M. Schlindwein

Schlindwein M. 13x18Die Holzschnitte von Manfred Schlindwein sind vielschichtig und erzeugen lnteresse durch Mehrdeutigkeit. Ihre Qualität bestimmt sich besonders in der Komposition, die maßgeblich durch das ausgewogene und doch spannungsreiche Verhältnis einzelner Elemente zum Ganzen definiert ist. Mehrere Arbeiten weisen eine hälftige Aufteilung auf, doch immer sind diese Hälften in das Ganze eingebunden und miteinander verbunden. Manchmal gelingt die Verbindung mittels Farbe, in anderen Fällen sind es Druckformen und Überlagerungen, welche die Verbindung herstellen. Das Verhältnis von Einzelelement, Farbe und Ganzem lässt auf eine große Geste schließen. Auf das Maß kommt es dabei an. Zuviel an Farbe oder zuviel der Elemente würden die Großzügigkeit der Komposition unterbinden. Spannend ist das Verhältnis von Einzelform und Großem auch, weil die lmpulsivität der Einzelform im Ganzen aufgefangen und so unter Kontrolle gebracht wird. Man kann das auch anders herum sehen. das Ganze bleibt zurückhaltend genug, so dass die lmpulsivität der Einzelform bestehen kann.

Die Einzelformen sind Gebilde, die nicht unbedingt mit der Technik des Holzdrucks in Verbindung gebracht werden, sondern eher dem Zeichnerischen zuzuordnen sind. Was für einer Energie bedarf es also, das Holz ohne Rücksicht auf seine Starre so zu behandeln, als wäre es ein Blatt Papier? Es ist eine Energie, die ihre Entladung im Tun findet, nicht, um etwas Schön zu machen, nicht, um gezielt zu gestalten oder gar abzubilden, sondern einfach, um zu machen, weil das Machen die innere Notwendigkeit ist. So erklärt sich auch, dass vermeintlich lesbare, bedeutungsschwangere Sätze wie „mitten in der Nacht” oder „der Rest ist meins” letztlich ohne Motivation dastehen. lhre Wahl erfolgt spontan.

Eine wichtige Rolle, und darin ist Schlindwein ganz Graphiker, kommt dem akzentuierenden Schwarz zu. Auch als noch so kleine Spur findet es Bedeutung in der Komposition. Mal trägt es ein sattes Eigengewicht, mal liegt seine Bedeutung ganz und gar reduziert im Gegengewicht. Die Differenz von Farbe und Schwarz erweist sich als wesentlich. Schwarz gegen alle Farben. Die Farben selbst kommen überwiegend aus dem Bereich der dezenten, gedeckten und warmen Töne. Sie unterstreichen das Kompositorische als Grundlegung oder als hervorgehobene Einzelform.

Dr. Susanne Ramm – Weber

Kunstwissenschaftlerin

 

 

Manfred Schlindwein arbeitet losgelöst von einer traditionellen Arbeitsweise und der gängigen Praxis. Auf dem Boden sitzend behandelt er den Holzstock mit unterschiedlichen Werkzeugen. …” (ich) schneide ,reisse ins Holz – bearbeite es mit verschiedenen Stemmeisen, mit Raspel und Beil; male Form, Figur direkt aufs Holz – schneide nach – … arbeite (schneide) nicht nach festem Konzept.” Das Vorgehen, das eher an die Tätigkeit eines zeitgenössischen Bildhauers als an das eines Holzschneiders denken lässt, zielt auf ein möglichst unverfälschtes, direktes Umsetzen von künstlerischer Energie.

Es ist jedoch weit gefehlt , künstlerisches Können nur auf die Beherrschung einer Technik zu reduzieren, wenngleich auch das technische Beherrschen eine Voraussetzung für das ,,innere” Vermögen ist. Bei Manfred Schlindwein bilden beides, Beherrschung der Materie und künstlerische lmagination, eine kreative Symbiose. Technisches Können bedeutet ihm individuelle Erfahrung und Verbundensein mit der Tradition, vor allem aber Freiheit durch die Sicherheit im Umgang mit dem Material. Schlindweins schnelle, gestische Handschrift beugt sich dem Widerstand des hölzernen Materials nicht; so arbeitet er mit und zugleich gegen den Druckstock.

Losgelöst von der Wiedergabe gegenständlicher Vorstellungen steht das Wechselspiel von Farbe und Form im Mittelpunkt des bildnerischen lnteresses von Manfred Schlindwein. Die semantische Bedeutung des organischen Stoffes und die inhaltlich darin mitschwingenden Wertigkeiten sind darüber hinaus für den Künstler von Wichtigkeit. Die Transparenz der Druckschichten, die Schwerelosigkeit der grafischen Zeichen und die Überlagerungen einzelner Bildpartien werden durch das dünne Seidenpapier zusätzlich in ihrer Wirkung betont. Manfred Schlindwein hat sich die Durchlässigkeit dieses besonderen Transparent – Papiers zu eigen gemacht, um seinen Drucken Leichtigkeit zu geben. Das nach dem Druck abschließende Ölen dient neben der Erhöhung der Stabilität vor allem auch der Steigerung der Farbintensität. Häufig werden die Drucke dann auf Acrylglas aufgezogen und erhalten dadurch ein räumliches Eigenleben, das ihnen zusätzliche Körperhaftigkeit verleiht.

Dr. Sabine Heilig